Mischa: Herr Pletnev, verraten Sie uns bitte, was Sie mit der Schweiz verbindet und warum Sie ein „Schweizer Konzert“ oder besser “Fantasia Helvetica” geschrieben haben?
Pletnev: Ich lebe schon sehr lange in der Schweiz und fühle mich diesem Land eng verbunden. Ich habe viele Erlebnisse in der Schweiz gehabt, die mich geprägt haben, wie die Freundschaft zur Familie Manz, die Bewunderung zum Komponisten Rachmaninoff, der die letzten Jahre seines Lebens hier in Luzern verbrachte, oder ganz einfach die Luzerner Fasnacht.
Was sind Ihrer Meinung nach die prägendsten Themen der Schweizer Volksmusik?
Ich habe verschiedene Themen beim Schreiben dieses Stückes kennengelernt. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir Themen wie das der der “Vreneli”, übrigens meines Wissens nach das Einzige Moll Thema der Schweizer Volksmusik, oder “Vo Luzärn uf Weggis zue”, was sich ja praktisch vor meiner Haustüre abspielt. Natürlich auch “Ich bi en Schwiizer Knab”, “Es Buure Büebli” und der Schweizer Psalm. Ich hoffe, die Schweizer haben ihre Volksüberlieferungen gerne und nicht vergessen. Wer genau hinhört, wird diese im Konzert wiederentdecken.
War es einfach oder schwierig diese Themen in einem klassischen Musikstück zu verarbeiten?
Wenn sie die Musikgeschichte betrachten, so können Sie feststellen, dass viele grossartige Kompositionen von der Volksmusik beeinflusst wurden. Tschaikowsky zum Beispiel hat viele der berühmtesten Russischen Volksthemen für seine Kompositionen benutzt. Ausserdem sehe ich mein Werk als eine Fantasie. Und Volksfantasien sind bekanntlich mit verschiedenen nationalen Märchen gespickt.
Was können sie uns zur Bedeutung und zum Aufbau Ihrer Fantasie verraten? Was sind so Ihre sinnbildlichen Vorstellungen?
Meine Fantasie ist dreiteilig.
Im ersten Teil kommt die Schweizer Natur vor: Das Leben in den Bergen, Regen und Wasserfälle, kleine Bäche, Kühe und Hirten prägen das Bild.
Der zweite Teil basiert auf dem bekannten Ländler “Vo Luzärn uf Weggis zue”. Dabei geht es um die Perspektiven von Bergen, bis hinunter in die Täler. Wir sehen ein reges Treiben: Hirten treiben die Kühe zusammen, es finden Tänze statt. Das Leben ist schön. Jetzt steigen wir hinunter vom Berg nach Luzern (lange chromatische Passage) und werden den Eindrücken der Luzerner Fasnacht gegenübergestellt. Kriegerisch Maskierte Fasnächtler marschieren auf und ab und erschrecken die Leute. Alle feiern ein grosses Fest. Trotzdem findet sich auf die Traur ein, ausgedrückt durch das Vreneli Thema in Choral Form. Nun folgt der 3. Teil. Dieser beginnt mit einer Polka. Auf die Polka folgt ein bravouröser Schlussteil, der vor allem durch Themen der Liebe zur Schweiz vom eigenen Volk geprägt ist. Die zwei Themen “Es Buure Büebli” und “ En Schwiizer Knab” sind absichtlich für die zwei Pianisten, Mischa und Sascha Manz, gewählt worden, um ihren Patriotismus zu zeigen. Zuletzt kommt noch ein Teil vom Schweizer Psalm und das Finale geht zu Ende.
Können wir sie bald als Schweizer Bürger begrüssen?
Ja, sicherlich. Ich fühle mich schon lange teilweise als Schweizer.




